Johannesevangelium

Jesus hörte, dass sie ihn ausgestoßen hatten. Und als er ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn?“ Joh 9, 35

Was für eine gewaltige Spannung liegt in diesem Titel! Denn einfach und wörtlich genommen steht er im Hebräischen für „Mensch“, „ich als ein Mensch“. Aber mit der Geschichte der Apokalyptik, die über die letzten Dinge lehrt, stößt man biblisch auf deren Ursprünge im Danielbuch 7, 13f:

„Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. 14 Ihm wurde gegeben Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.“

Im Laufe der alten Kirche ist der Auferstandene, von dem wir bekennen, dass er zur Rechten Gottes sitzt, als Weltenrichter erkannt geworden! Dazu hat seine Identikation mit dem „Menschen Sohn“ in Daniel 7 die Grundlage gelegt. Denn nach der Auferstehung und der Himmelfahrt Jesu wurde der wachsenden Jüngerschar und werdenden Kirche immer bewusster, dass in Jesus Christus nicht nur der Sohn von Maria und Joseph aufgetreten war. Schon zu seinen Lebzeiten wurde in seiner menschlichen und niedrigen Gestalt der verborgene und im Glauben offenbare Weltherrscher und Weltrichter erkannt. Denn mehr und mehr begriff die erste Christenheit, dass in diesem Jesus der Christus Gottes, der Messias erschienen war. Ihn bekennen wir bis heute im Apostolischen Glaubensbekenntnis, wenn wir sprechen,

„er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“

Das Johannesevangelium entstand lange vor dem Glaubensbekenntnis. Damals wusste Jesus, wie der Älteste Johannes scharf erkannte, dem Sehendgewordenen zum zweiten Mal die Augen öffnen. Beim ersten Mal schenkte er ihm seine Sehkraft. Doch nun wollte Jesus ein zweites Wunder wirken. Er schickte sich an, dem Sehendgewordenen die Augen für den Glauben zu öffnen!

Denn bisher hatte der ehemals Blinde in Jesus nur einen Wundertäter, wenngleich auch einen außerordentlichen, erkennen können! Mit der Frage nach dem Glauben an den Menschensohn fragte Jesus mehr. Denn nun geht es darum, mit dem Titel „Menschensohn“ seine Herkunft von Gott zu bekennen. Jesus wollte nicht einfach nur bewundert werden oder Dankbarkeit empfangen, sondern er erwartete mehr: den Glauben an ihn als den Menschensohn!

Der ehemals Blinde hatte offensichtlich kein Problem damit, die Frage zu verstehen! Er wusste genau, wer mit dem Titel Menschensohn gemeint war. Doch Jesus stellt die Frage in den Mittelpunkt: „Glaubst du an den Menschensohn?“ Anders gesagt. „Glaubst Du an die Gegenwart Gottes in ihm? Seit knapp 2000 Jahren stellt sich diese Frage jeder Generation, jedem Menschen, also auch mir und allen, die diese Zeilen lesen, die Frage:

Glaube ich in Jesus die Ankunft Gottes auf Erden?

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