Was mich bewegt…

Gibt es so etwas wie einen roten Faden, der sich durch ein Leben zieht? Gibt es so etwas wie ein heimliches Thema, das mit jedem Moment eines Lebens verbunden ist? Gibt es eine Frage, die jemanden ein Leben lang begleitet?

Mein roter Faden, mein heimliches Thema und meine Lebensfrage stecken in dem Faustischen Motto:

„DASS ICH ERKENNE, WAS DIE WELT 

IM INNERSTEN ZUSAMMENHÄLT …“

Wo kommt mein Motto her?

Unterwegs zum Innersten kann man Verschiedendstes entdecken: Religionen, philosophisch Ideen, Einsichten, Überzeugungen, Behauptungen, aber auch Zweifel, Kritiken und Infragestellungen. Eine Entdeckung traf bei mir ins Schwarze:

Die Einsicht Laotse’s:

Im Innersten ist Nichts

Hier ist er:

Und hier ist seine Entdeckung:

“DREISSIG SPEICHEN UMGEBEN EINE NABE:

IN IHREM NICHTS BESTEHT DES WAGENS WERK.”

Ich würde den Begriff Werk etwas moderner übersetzen: „In ihrem Nichts besteht die Funktion des Wagens. In der Tat, wäre in der Mitte des Rades kein Loch, könnte das Rad keinen Wagen tragen und sich nicht um eine Achse drehen. Notwendigerweise muss also in der Mitte der Welt ein Loch sein, damit eine Achse hindurchgehen kann, um die sich das Rad dreht. Deswegen müssen alle rationalen Fragen nach dem Innersten im Nichts enden, wie schon Goethes Faust erkannte: „Und sehe, dass wir nichts wissen können …“

Doch was für eine Achse könnte das sein, die durch das Nichts im Zentrum der Welt geht?

Der heilige Pfahl der Achilpa

Vielleicht erinnert sich die eine oder der andere an die Totempfähle der Indianer. Bei den australischen Aborigines gibt es etwas Vergleichbares, dessen Bedeutung der Religionswissenschaftler Mircea Eliade erforscht hat. Als ich seine Beschreibung des Mythos dieses Eingeborenenstammes das zum ersten Mal las,  begriff ich anschaulich, was die Welt im Innersten zusammenhält : ihre heilige Achse!

Nach der Überlieferung der Achilpa “hat das göttliche Wesen Numbakula in mythischer Zeit ihr Gebiet `kosmiert´, ihren Stammvater erschaffen und ihre Einrichtungen gestiftet. Aus dem Stamm eines Gummibaums hat Numbakula den heiligen Pfahl (kauwa-auwa) gefertigt; er hat ihn mit Blut gesalbt und ist an ihm hinaufgeklettert und im Himmel verschwunden. Dieser Pfosten stellt eine Weltachse dar, denn um ihn herum wird das Land bewohnbar, verwandelt sich also in `Welt´.“ (Mircea Eliade)

Die überschaubare Welt dreht sich nach dieser Vorstellung wie ein Rad um die senkrecht dazu stehende Mitte, um den heiligen Pfahl, der die Wirklichkeit über der Welt und die unter ihr verbindet: Auf diese Weise öffnet er den Zugang zum Himmel und verschließt den zur Hölle!

In dem entwickelteren dreistöckigen Weltbild, das auch der Bibel zugrunde liegt, finden sich im Kosmos in drei Bereiche: der Himmel über der Welt, die Gesamtheit der Welt mit Firmament und Erde, deren Säulen auf der Unterwelt ruhen. Diese sind wie der Himmel vom Wasser des Himmelsozeans und des Urozeans umgeben:

Jede Stadt ist im Prinzip ähnlich aufgebaut. In der Mitte liegt das Zentrum und an den rändern sind die Entsorgungseinrichtungen. Klar und deutlich ist das an dem Aufbau mittelalterlicher Städte wie hier an dem von Nördlingen zu erkennen

NördlingenStichGG2012.jpg

Jede Zelle des Lebens ist im Prinzipe ähnlich aufgebaut. In der Mittel liegt der Zellkern und am Rand die Zellwand, die das Leben im Inneren der Zelle zusammenhält:

Abstrakt: der Kreis und sein Mittelpunkt sind das Ursymbol für den Aufbau des Lebens, des Wohnens und der Religion. Er ist sein Ursymbol, ein Urphänomen, der sich bis hin zum Aufbau der Cities moderner Städte beobachten lässt.

Bild des  EmpireStateBuilding06.jpg

EINE ERSCHRECKENDE KONSEQUENZ: Wenn die Mitte einer Welt – sei es die einer Stadt, einer Kultur, einer Religion oder auch die eines Menschen ins Wanken gerät, dann droht höchste Gefahr. Das zeigt die Macht des Achilpamythos, wie Eliade eindrücklich schildert:

„Das Zerbrechen des Pfahls ist die Katastrophe, gewissermaßen das Ende der `Welt´, der Rückfall ins Chaos. SPENCER und GILLEN berichten, dass der ganze Stamm von tödlicher Angst befallen wurde, als einmal der heilige Pfahl zerbrach, die Stammesangehörigen irrten einige Zeit umher und setzten sich schließlich auf den Boden, um zu sterben.“

Das Ende der Industrialisierung und der Moderne hat in zwei Weltkriegen unfassliche Opfer gekostet. Nation und Religion können nicht mehr als absolute, letzte Größen zur heiligen Mitte erhoben werden. Für die internationale Gemeinschaft der Menschen steht die unverlierbare und unzerstörbare Würde jedes einzelnen Menschen im Mittelpunkt. Danach bilden sich Regeln und Grenzen der gegenwärtigen, ja zukünftigen Welt.